Das Auge lügt
Interview von Dr. Annette Blank, Kunstwissenschaftlerin

„Die Malerei ist wie eine Bühne: Wenn ich meine Handschuhe anziehe, begebe ich mich in das Kostüm der Diva. Diese Rolle schenkt mir die Produktionskraft, den Mut für den Ausdruck.“ Musik war die erste Profession von Christo Daskaltsis. Ein Medium, das die eigenen Gefühlszustände interpretiert. Die Kraft der Musik beflügelt ihn bis heute. Sie bildet den Nährboden für seine Bildende Kunst. „Klang ist konkret wie eine Form, weil er dem Urinstinkt entspricht, dem Hören.“ Instinkt und Wahrheit sind Antipoden für den Künstler Christo Daskaltsis. Im klaren Moment der reinen Freude sind sie vereint. Dieser Moment ist Schönheit – ein Lebenselixier.

Zur Musik kam der 8jährige über ein Plattencover: dem Spiegelsaal im Schloss Herrenchiemsee galt sein Interesse. Das stärkste Geschenk seiner Kindheit öffnete ihm die musikalische Welt von Bach, Händel, Telemann und dem Barock, „meine Zeit“, sagt Christo Daskaltsis. Musik beruhigte die empfindliche Seele in der Pubertät, ihre Komplexität spiegelt die Vielschichtigkeit der Gefühle und hilft, sich selbst in der Welt zu verorten. „Das Einhalten von Regeln ist Voraussetzung für Musik und zugleich Bremse.“ Zudem bremste den Pianisten Daskaltsis der eigene Anspruch, dem seine Virtuosität nicht genügte. Er suchte nach dem reinen künstlerischen Ausdruck, der Beständigkeit und Wahrhaftigkeit vereint. Flüchtige Töne konnten dies nicht sein.

Ein Stipendium führte den jungen Mann nach Paris an die Académie des Beaux-Arts. Die Leinwand wurde seine Wahrheit, und Farben aus Öltuben sein Medium. Den Pinsel verkehrtherum rührte er die Masse und dickte sie mit zerdrückten Aspirin-Tabletten an. Das Gemisch brachte er auf die Leinwand immer wieder übermalend und immer wieder aus der Bewegung neu. Pierre Soulages beeinflusste ihn stark. „Verbildliche deinen Gestus“ – das Motiv von Soulages begeisterte und überforderte Christo Daskaltsis zugleich. Mit Soulages war für ihn alles gesagt, was sollte dem noch folgen? Die folgende künstlerische Blockade lockerte der 20jährige mit Körperbewegungen und der Faszination an der Pariser Architektur. Das Diplom verweigerte er, denn wer wollte sich anmaßen, seine Werke zu bewerten. Harmonie ja, aber keine Verletzung der Prinzipien.

Dem Ausflug in die Kunst folgte ein Faible für Architektur, dem sich Christo Daskaltsis zunächst über das Grafikstudium in Düsseldorf näherte. Nunmehr diplomiert, ging er in die Werbeschmieden BBDO und Prahl Recke, beackerte in 60-Stunden-Wochen die Modeszene und floh erschöpft nach Berlin. Am 18.11.2002 wurde der gebürtige Grieche Berliner, um sich wieder zu finden. Der frühe Tod seiner Schwester veranlasste die erneute Seelenreinigung mit Acryl und Leinwand. Serien weißer Bilder entstanden.

„Das Griechische an mir sind der Stursinn und die Leidenschaft am Gefühlten, ich habe Freude am Gefühlten. Ich weiß genau, ich kann planen was ich will, das Leben nimmt immer seinen eigenen Lauf.“ Eine große Sicherheit steckt in dieser religiösen Lebensanschauung. Sie führte zu immer wieder neuen Themen, die Christo Daskaltsis auf die Leinwand brachte. Weniger der Ausdruck, vielmehr die Bewegung mit dem Material faszinierte ihn. Er nennt diese Art von Kunst informell – ohne Form, ohne Information.

Dafür mit großer handwerklicher Präzision. Die Korrektheit des Handwerks, die gearbeitete Qualität gehört zur DNA der Daskaltsis-Familie. Kunsttischlerei und Restauration in klassisch griechischer Tradition brachte die Familie zur Meisterschaft. „Eine gearbeitete Abstraktion ist eine völlig andere Welt als eine zufällige, das spüre ich. Die Behauptung von Kunst reicht mir nicht.“ Schönheit kommt für Christo Daskaltsis aus Herzlichkeit.

Mehr als 50 Schichten arbeitet der Künstler übereinander, immer wieder der eigenen Bewegung folgend, immer wieder in der Konzentration der Leere. Jede einzelne Schicht hat ihre eigene Qualität, ähnlich der Momente des Lebens, die jeweils für sich stehen. Die Brüche und Überraschungen, die aus dieser Präzision zufällig entstehen, bilden die Spannungsfelder der Bilder. Zeiten und Räume haben sich verselbständigt, das einzig Konstante ist die Veränderung. Im Dialog mit dem eigenen Schaffensprozess findet Christo Daskaltsis den Punkt der Ruhe, an dem alles getan ist. Dann ist das Werk vollendet.

Strukturen, Oberflächen, Stimmungen scheinen dem zu entstammen, was uns umgibt. Fluchten, Mauern, Räume ebenso wie Tageszeiten, Lichtbrechungen und schließlich die eigenen wechselnden Verfassungen. Achtsamkeit schenkt Christo Daskaltsis seiner Umwelt – in ihrem Dasein und in ihrer Veränderung. Auf diese Weise gelingt ihm eine Intensität im Moment, die wiederum ihre eigene Aura schafft. Diese Aura ist voller naiver Verwunderung und sie trägt das Selbstbewusstsein der Diva.

Die Arroganz des Geistes, die sich mit Wissen tarnt, nimmt Christo Daskaltsis aufs Korn. Nichts ist, wie es ist, dennoch ist alles gut dort, wo es ist. Seine Kunst ist ohne Absicht, ohne Anspruch. Sie ist geronnene Materie, die in sich alles trägt und zugleich nie erschlossen werden kann, nie gebraucht oder missbraucht. Auf dem festen Untergrund der Leinwand addieren sich die Schichten aus Pigmenten der cremigen Farbe zu Strukturen, die rein aus der Bewegung kommen. Sie agieren im Ursprung menschlichen Seins. Mediation im Material.

1969 in Düsseldorf geboren

1989 – 1991 Academie des Beaux Art, Paris
Studium Angewandte Kunst, Design, Kunstgeschichte
u. a. bei Pierre Soulage und Jean Miotte

1992 – 1994 Robert Schumann Institut, Düsseldorf
Studium Klavier und Komposition

1994 – 1998 Akademie für Design und Kommunikation, Schwerte
Studium Design und Kommunikationsdesign

Seit 1995 Ausstellungen in Paris, Amsterdam, Athen und Berlin

Seit 2002 selbstständiger Designer und Maler in Berlin

2013 ausgezeichnet mit dem iF Design Award

2014 ausgezeichnet mit dem Designpreis der Bundesrepublik Deutschland

Sinnlicher Polylog

Die wahrnehmbare Welt ist eine Verzerrung, sagt Platon in seinem Höhlengleichnis. Das gilt für mich heute mehr denn je. Denn es versagen die figuralen Mitteilungen im Angesicht der Reizüberflutung.

Das beständige Wiederholen im Farbauftrag löst die Pigmente aus dem Öl der Farbe und verschiebt sie immer und immer wieder. So entstehen die abstrakten, losgelösten, sich selbst reflektierenden Bildsysteme. So formulieren sich auf dem Malgrund filigrane und gröbere Farbschlieren zu eigenwilligen Gebilden, denen Dank des Verschiebens der Pigmente etwas Körperliches anhaftet. Der sichtbar kalkulierten Komposition wohnt ein zurückgenommenes reflexives Moment inne.

Diese Polarität zwischen dem Eigenleben des Materials und der Reflexion ist Ausgangspunkt meiner Studien zur Wahrnehmung. Mich interessieren die Aspekte von Raum und Wahrnehmung in Bezug auf meine Kunst, die Übergänge etwa, Gegensätze, Kontraste und Nuancen, die den Blick des Betrachters leiten. Bewusste optische Irreführung verleitet zur Entgrenzung vom Motiv und zur Fokussierung auf die Oberfläche. So gelingt das dramatische Durchbrechen der monochromatischen Stille. Eine Entgrenzung, die bereits im Schaffen vollzogen wird. Mit Bürsten und Lösungsmitteln trenne ich die Pigmente in der Ölfarbe und befördere so die Verschiebungen und Überlagerungen. Das Bild wird zum sinnlichen Polylog zwischen den einzelnen Schichten.

Diese Kombination führt den Seh- und Tastsinn wieder zusammen, den die Aufklärung getrennt hat. So wurde das Sehen in die distanzierte, geistige Wahrnehmung gerückt und das Tasten als Kontaktwahrnehmung dem Sehen untergeordnet. Für mich ist beides im menschlichen Erleben eine Einheit.

Das Spiel mit den Erwartungen des Sehens und des Gesehenen ist mein Impuls. Kein vordergründiges Arrangement verleitet zu schnellen Urteilen. Meine Kunst erschließt sich erst auf den zweiten Blick, im Vertraut-Werden. Mir geht es um die Inspiration zu eigener Reflexion des Betrachters, zu eigener sinnlicher Wahrnehmung.
Christo Daskaltsis, Berlin 2016